Jira ist selten von Anfang an unübersichtlich. Es wird es mit der Zeit. Ein neues Team braucht einen eigenen Status, ein Projekt ein Zusatzfeld, eine Abteilung eine Regel. Jede einzelne Entscheidung war sinnvoll. In der Summe entsteht ein System, das alle Aufgaben enthält, aber keine verlässliche Antwort auf die Frage gibt, wo Ihre Projekte stehen.
Wenn Sie überlegen, Jira aufzuräumen, stellt sich zuerst die Frage, wo das Problem eigentlich liegt. Die folgenden acht Anzeichen sind typisch für gewachsene Jira-Cloud-Umgebungen im Mittelstand. Zu jedem Anzeichen finden Sie einen kurzen Selbsttest und den ersten Schritt, mit dem ich beginnen würde.
1. Jede Änderung wirkt überall
Viele Projekte teilen sich dieselben Schemas für Workflows, Felder und Masken. Das war beim Aufbau bequem. Heute bedeutet es: Wer für ein Team einen Status ergänzt, ändert ihn für dreißig andere mit. Die Folge ist entweder Stillstand, weil sich niemand mehr etwas zu ändern traut, oder eine Kette ungeplanter Nebenwirkungen.
Selbsttest: Öffnen Sie ein Workflow-Schema und prüfen Sie, wie viele Projekte es verwenden. Liegt die Zahl im zweistelligen Bereich und arbeiten diese Projekte sehr unterschiedlich, haben Sie dieses Anzeichen.
Erster Schritt: Nicht alles auf einmal trennen. Für ein Pilotprojekt wird eine Kopie des Schemas angelegt und dort verbessert. Erst wenn der Pilot funktioniert, folgen weitere Projekte.
2. Termine sind leer oder widersprüchlich
Das Fälligkeitsdatum fehlt auf der Anlagemaske oder bleibt fast immer leer. Dafür gibt es drei weitere Terminfelder, die ähnlich heißen und unterschiedlich gepflegt werden. Und wer den ursprünglichen Plantermin nachträglich verschiebt, überschreibt ihn. Damit ist nicht messbar, ob Termine gehalten werden.
Selbsttest: statusCategory = "In Progress" AND duedate is EMPTY zeigt alle Vorgänge in Arbeit ohne Fälligkeitsdatum. Ist diese Liste lang, fehlt die Grundlage für jede Terminsteuerung.
Erster Schritt: Ein führendes Terminfeld festlegen, die übrigen stilllegen. Wie Sie Termintreue mit einem zusätzlichen, nicht überschreibbaren Plantermin messbar machen, beschreibe ich im Beitrag zum Jira-Dashboard für die Geschäftsführung.
3. Es gibt mehr Status, als jemand erklären kann
Ein Workflow mit zwanzig Status sieht gründlich aus. In der Praxis werden fünf davon genutzt, der Rest ist historisch. Oft sind Status zudem der falschen Kategorie zugeordnet: Ein Status „Wartet auf Kunde“ steht in der Kategorie „Erledigt“ und verschwindet damit aus allen Auswertungen offener Arbeit. Einen klaren Status für pausierte oder blockierte Arbeit gibt es dagegen nicht.
Selbsttest: Bitten Sie zwei Teamleitungen unabhängig voneinander, den Unterschied zwischen drei ähnlich klingenden Status zu erklären. Weichen die Antworten ab, ist der Workflow zu komplex.
Erster Schritt: Status auf das Nötige reduzieren und jeden Status seiner richtigen Kategorie zuordnen. Wie ein schlanker Ablauf aussieht, zeigt der Beitrag Jira-Workflow mit Pflichtfeldern und Frühwarnung.
4. Verantwortung entsteht zufällig
Vorgänge ohne Verantwortlichen, ohne Beschreibung, ohne Schätzung und ohne Zuordnung zu einem übergeordneten Vorhaben. Oder eine Einstellung, die beim Start automatisch denjenigen zuweist, der gerade auf „In Arbeit“ klickt. Dann ist verantwortlich, wer zufällig den Knopf gedrückt hat.
Selbsttest: assignee is EMPTY AND statusCategory != Done und parent is EMPTY AND statusCategory != Done zeigen, wie viel offene Arbeit niemandem gehört oder keinem Vorhaben zugeordnet ist.
Erster Schritt: Pflichtangaben an der richtigen Stelle festlegen, nämlich beim Übergang in die Bearbeitung, nicht bei der Anlage. So bleibt das Erfassen einer Idee schnell, und vor dem Start ist geklärt, wer wofür zuständig ist.
5. Der Altbestand verfälscht jede Auswertung
Tausende offene Vorgänge, die sich seit Monaten nicht bewegt haben. Niemand traut sich, sie zu schließen, weil vielleicht noch etwas Wichtiges dabei ist. Jede Auswertung zu offener Arbeit, Durchlaufzeit oder Rückstand wird dadurch wertlos.
Selbsttest: statusCategory != Done AND updated <= -180d zeigt alle offenen Vorgänge, die seit einem halben Jahr unverändert sind.
Erster Schritt: Eine klare Regel vereinbaren, etwa: Was seit sechs Monaten ruht, wird mit einer eigenen Lösung „Nicht weiterverfolgt“ geschlossen. Die Vorgänge bleiben auffindbar und lassen sich wieder öffnen. Vorher bekommen die Teams zwei Wochen Zeit, Einspruch zu erheben.
6. Zu viele Menschen dürfen alles ändern
In vielen gewachsenen Umgebungen haben deutlich mehr Personen Administratorrechte, als für den Betrieb nötig sind. Änderungen an Feldern, Workflows und Regeln geschehen ohne Absprache und ohne Dokumentation. Wenn etwas nicht mehr funktioniert, weiß niemand, wer es wann geändert hat.
Selbsttest: Zählen Sie die Mitglieder der Administratorgruppen. Fragen Sie dann, wer im Unternehmen für die Jira-Konfiguration verantwortlich ist. Gibt es darauf keine eindeutige Antwort, haben Sie dieses Anzeichen.
Erster Schritt: Eine Person als Verantwortliche für die Konfiguration benennen, Administratorrechte auf wenige Personen begrenzen und eine kurze Richtlinie für Änderungen einführen. Für die Zeit der Aufräumarbeit hilft ein Änderungsstopp, damit nicht parallel neuer Wildwuchs entsteht.
7. Verwaiste Regeln, Filter und Boards
Automationen, die ehemalige Mitarbeitende angelegt haben. Regeln, die seit Wochen im Fehlerzustand sind. Filter und Boards, deren Eigentümer deaktiviert wurden. Oft gibt es zusätzlich zwei oder drei Apps für denselben Zweck, etwa für Planung oder Tests, weil jedes Team seine eigene eingeführt hat.
Selbsttest: Sortieren Sie die Automationsregeln nach dem letzten erfolgreichen Lauf und prüfen Sie die Ausführungshistorie auf Fehler. Sehen Sie in der Filterverwaltung nach, wie viele Filter Eigentümern ohne aktives Konto gehören.
Erster Schritt: Inventur und Aufräumen, bevor Atlassian ab dem 3. Dezember 2026 Automationen nach Schritten abrechnet. Warum auch Regeln kosten, die nichts tun, erkläre ich im Beitrag Jira-Automation ab 3. Dezember.
8. Für die Geschäftsführung gibt es keine Sicht
Es gibt Dashboards, aber niemand schaut sie an. Sie zeigen Diagramme, beantworten aber keine Frage, die in der Projektbesprechung gestellt wird. Deshalb pflegt jemand vor jeder Besprechung eine Tabelle von Hand, und Jira ist nur noch das Archiv.
Selbsttest: Fragen Sie, welche drei Fragen die Geschäftsführung jede Woche zu den Projekten stellt. Prüfen Sie dann, ob ein Dashboard diese Fragen ohne Nacharbeit beantwortet.
Erster Schritt: Zuerst die Steuerungsfragen festlegen, dann die Filter bauen, erst danach das Dashboard. Wie diese Reihenfolge aussieht, steht auf der Seite zu Jira-Dashboards.
Warum sich das Aufräumen gerade jetzt lohnt
Neben dem Alltagsärger gibt es drei sachliche Gründe, nicht länger zu warten:
- Konfigurationsgrenzen: Atlassian hat für Jira Cloud Obergrenzen eingeführt, zum Beispiel 700 Felder und 150 Arbeitstypen je Bereich (Stand 27.09.2026). Wer nahe an diesen Werten liegt, muss ohnehin aufräumen.
- Neuer Workflow-Editor: Der alte Editor ist seit Juli 2026 abgeschaltet. Viele Workflows wurden nie im neuen Editor geöffnet. Eine Überarbeitung bietet sich an.
- Schrittabrechnung: Ab dem 3. Dezember 2026 kostet jede Automationsausführung Schritte aus einem begrenzten Kontingent.
Stand der Angaben: 27.09.2026.
So gehe ich beim Aufräumen vor
Aufräumen heißt nicht, alles neu zu bauen. Ich gehe in dieser Reihenfolge vor:
- Lesende Bestandsaufnahme mit einer Ampel je Bereich: Schemas, Workflows, Felder, Termine, Rechte, Automationen, Filter und Dashboards, Altbestand und Verantwortlichkeiten.
- Zielbild und offene Entscheidungen, abgestimmt mit den Menschen, die mit Jira arbeiten, und mit der Geschäftsführung.
- Pilotprojekt mit kopierten Schemas, damit andere Projekte unberührt bleiben.
- Jede Änderung mit Freigabe, Beleg vor und nach der Änderung, Rückfallplan und Testfällen.
- Richtlinie und Schulung, damit der Wildwuchs nicht zurückkommt.
Der Grundsatz dabei: Technik folgt Prozess. So wenig Komplexität wie möglich, so viel Struktur wie nötig.
Den ersten Schritt, die Bestandsaufnahme mit Ampelbericht und priorisierten Maßnahmen, beschreibe ich auf der Seite zum Jira-Klarheits-Audit. Wie überarbeitete Workflows mit Pflichtangaben und klarem Abschluss aussehen, zeigt die Seite zu Jira-Workflows.
Häufige Fragen
Wie viele der acht Anzeichen sind ein Problem?
Schon eines kann spürbar bremsen, vor allem fehlende Termine oder zufällige Verantwortung. Treffen drei oder mehr der acht Anzeichen gleichzeitig zu, empfehle ich eine strukturierte Bestandsaufnahme mit Ampelbericht, bevor Sie einzelne Stellen isoliert ändern. Wer nur Symptome behebt, ohne die Ursachen zu kennen, verschiebt das Problem meist nur in einen anderen Bereich.
Muss Jira für das Aufräumen stillstehen?
Nein. Die Bestandsaufnahme läuft mit lesendem Zugang und stört den laufenden Betrieb nicht. Änderungen erfolgen zuerst in einem abgegrenzten Pilotprojekt mit kopierten Schemas, jede mit Freigabe, Beleg und Rückfallplan. Die übrigen Teams und Projekte arbeiten währenddessen ungestört weiter und sind erst an der Reihe, wenn sich der Pilot bewährt hat.
Kann ich alte Vorgänge nicht einfach löschen?
Davon rate ich ab. Gelöschte Vorgänge sind in Jira Cloud nicht wiederherstellbar, auch nicht über den Support. Schließen mit einer eigenen Lösung wie „Nicht weiterverfolgt“ erreicht dasselbe Ziel für Auswertungen, bleibt aber auffindbar und lässt sich bei Bedarf wieder öffnen. Vorher bekommen die Teams zwei Wochen Zeit für einen Einspruch.
Ihr nächster Schritt
Sie haben mehrere Anzeichen wiedererkannt und möchten wissen, wo Sie anfangen sollten? Im kostenlosen 30-Minuten-Erstgespräch sehen wir uns Ihre Ausgangslage an, und ich sage Ihnen, welche Schritte ich an Ihrer Stelle zuerst gehen würde.
Jira, Confluence und Rovo sind Marken der Atlassian Corporation. Keine Partnerschaft mit Atlassian.

Timo Rüdiger
Inhaber, Der Rüdiger Consulting
Über 25 Jahre unternehmerische Praxis in Führung, Marketing und Vertriebssteuerung. Ich schreibe hier über die Themen, die ich in meinen Beratungsmandaten tatsächlich bearbeite, keine zusammengefassten fremden Studien.
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