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Kennzahlen für KMU: Mit wenigen Zahlen wirklich steuern

7 Min. Lesezeit
STRATEGIEDer RüdigerCONSULTING

Kennzahlen für KMU sind kein Selbstzweck, sondern sollen eine einfache Frage beantworten: Läuft das Geschäft so, wie wir es geplant haben, und wenn nicht, wo genau hakt es? In der Praxis gibt es dabei zwei typische Ausgangslagen. Entweder existiert kaum etwas außer der betriebswirtschaftlichen Auswertung vom Steuerberater, die mit einigen Wochen Verzögerung eintrifft. Oder es existiert ein umfangreiches Reporting, das monatlich erzeugt, aber von niemandem ernsthaft gelesen wird. Beides führt zum selben Ergebnis: Entscheidungen fallen aus dem Bauch heraus, und Probleme werden erst sichtbar, wenn sie sich im Ergebnis niedergeschlagen haben.

Dieser Beitrag beschreibt, wie ein schlankes Kennzahlensystem entsteht, das im Alltag eines mittelständischen Unternehmens tatsächlich benutzt wird.

Warum viele Kennzahlensysteme im Mittelstand nicht tragen

Der häufigste Fehler ist die Reihenfolge. Viele Unternehmen beginnen mit der Frage, welche Zahlen sich aus den vorhandenen Systemen herausholen lassen. Das Ergebnis ist ein Bericht, der abbildet, was leicht messbar ist, nicht das, was steuerungsrelevant ist. Auslastungsgrade, Klickzahlen und Aufgabenstatus füllen Seiten, während die Frage, warum die Marge seit zwei Quartalen sinkt, unbeantwortet bleibt.

Der zweite Fehler ist fehlende Verbindlichkeit. Eine Kennzahl ohne benannte Verantwortung ist eine Information, kein Steuerungsinstrument. Wenn niemand erklären muss, warum ein Wert abweicht, und niemand befugt ist, daraufhin etwas zu ändern, entsteht ein Ritual statt einer Entscheidung.

Der dritte Fehler ist mangelnde Definitionstreue. Wenn im Vertrieb ein Angebot als offen gilt, solange es nicht schriftlich abgelehnt wurde, in der Geschäftsführung aber nur Angebote der letzten acht Wochen zählen, sprechen beide über dieselbe Kennzahl und meinen Unterschiedliches. Solche Unschärfen entwerten Zahlen schneller als jede Datenlücke.

Was eine brauchbare Kennzahl ausmacht

Bevor Sie eine Zahl in Ihr Set aufnehmen, prüfen Sie sie an vier Fragen:

  • Welche Entscheidung stützt sie? Wenn Ihnen keine konkrete Handlung einfällt, die von dieser Zahl abhängt, gehört sie nicht ins Steuerungsset. Sie kann trotzdem interessant sein, ist dann aber Hintergrundinformation.
  • Wer ist verantwortlich? Eine Kennzahl braucht eine Person, die sie erklärt und beeinflussen kann. Kennzahlen ohne Adressat verlaufen sich.
  • Ist sie eindeutig definiert? Zähler, Nenner, Zeitraum, Abgrenzung. Schreiben Sie es auf, auch wenn es trivial wirkt. Gerade bei Umsatz, Auftragseingang und Auslastung lohnt sich Präzision.
  • Ist der Aufwand vertretbar? Eine Kennzahl, deren Erhebung jeden Monat einen halben Tag Handarbeit kostet, wird nach wenigen Monaten still eingestellt. Lieber eine gröbere Zahl, die verlässlich kommt.

Von der Frage zur Kennzahl, nicht umgekehrt

Ein tragfähiges Set entsteht, indem Sie zuerst die Steuerungsfragen formulieren, die Sie tatsächlich beschäftigen. In vielen mittelständischen Unternehmen sind das Fragen wie: Reicht unsere Auftragslage für die kommenden Monate? Verdienen wir an unseren größten Kunden noch genug? Wo verlieren wir Zeit, die wir nicht abrechnen können? Bleiben wir zahlungsfähig, wenn ein großer Kunde später zahlt?

Erst danach suchen Sie je Frage eine, höchstens zwei Kennzahlen. Diese Reihenfolge sorgt fast automatisch für ein kompaktes Set. Auf Gesamtebene reicht in der Regel eine niedrige zweistellige Zahl an Kennzahlen; darunter liegen dann fachliche Werte, die einzelne Bereiche für ihre eigene Arbeit brauchen, ohne dass sie in der Geschäftsführung auftauchen müssen.

Fünf Bereiche, die selten fehlen sollten

Welche Kennzahlen konkret passen, hängt von Geschäftsmodell und Branche ab. Die folgenden fünf Blickrichtungen sind jedoch in fast jedem Unternehmen relevant.

Ergebnis und Marge

Umsatz allein sagt wenig. Aussagekräftiger ist der Deckungsbeitrag, und zwar aufgeteilt nach den Dimensionen, in denen Sie tatsächlich entscheiden: nach Produktgruppe, nach Auftragsart oder nach Kundensegment. Erst diese Aufteilung zeigt, ob Wachstum Ertrag bringt oder nur Beschäftigung erzeugt.

Liquidität

Ergebnis und Zahlungsfähigkeit sind zweierlei. Nützlich sind eine kurze, rollierende Vorschau über die kommenden Wochen sowie der Blick auf offene Forderungen und die durchschnittliche Zahlungsdauer Ihrer Kunden. Diese Zahlen verhindern Überraschungen, die sich sonst erst am Kontostand zeigen.

Vertrieb und Auftragslage

Hier zählen vor allem Frühindikatoren: Anfragen, Angebotsvolumen, Abschlussquote und die Dauer vom Erstkontakt bis zur Entscheidung. Der Auftragsbestand zeigt zusätzlich, wie weit die vorhandene Arbeit reicht. Sinkt die Abschlussquote, während die Anfragen konstant bleiben, deutet das eher auf ein Angebots- oder Preisthema hin als auf ein Marketingproblem.

Leistungserbringung

Je nach Modell sind das Termintreue, Durchlaufzeit, Nacharbeits- oder Reklamationsquote oder der Anteil abrechenbarer Stunden. Diese Zahlen erklären häufig, warum die Marge trotz auskömmlicher Preise nicht dort ankommt, wo sie kalkuliert wurde.

Team

Personalzahlen werden oft ausgeklammert, weil sie unangenehm sind. Dabei sind Fluktuation, offene Stellen und die Dauer bis zur Besetzung in vielen Betrieben inzwischen der eigentliche Wachstumsengpass. Wer hier nichts misst, plant Umsatzziele ohne die Kapazität, sie zu erfüllen.

Frühindikatoren und Spätindikatoren unterscheiden

Der Jahresüberschuss ist ein Spätindikator: Er berichtet über Entscheidungen, die längst gefallen sind. Anfragen, Angebotsvolumen und Auftragsbestand sind Frühindikatoren, weil sie Wochen oder Monate vorher zeigen, wohin es geht.

Ein brauchbares Set enthält beides. Spätindikatoren bestätigen, ob die Steuerung insgesamt funktioniert. Frühindikatoren geben Ihnen die Zeit, überhaupt noch zu reagieren. Wenn Ihr Reporting fast ausschließlich aus Ergebniszahlen besteht, erklären Sie im Zweifel Vergangenheit, statt Zukunft zu gestalten.

Zielwerte, Bandbreiten und Schwellen

Eine Kennzahl wird erst durch einen Vergleichsmaßstab nutzbar. Der kann ein Zielwert sein, ein Vorjahreswert oder eine Bandbreite, innerhalb derer alles in Ordnung ist. Sinnvoll ist es, je Kennzahl eine Schwelle zu definieren, ab der bewusst darüber gesprochen wird. Das erspart die Diskussion, ob eine Abweichung schon relevant ist, und richtet die Aufmerksamkeit auf die wenigen Stellen, an denen tatsächlich etwas passiert.

Wichtig ist dabei Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Datenqualität. Wenn eine Zahl nur ungefähr stimmt, sollte auch die Schwelle grob sein. Scheingenauigkeit führt zu Debatten über Nachkommastellen statt über Ursachen.

Der Takt: Wer schaut wann worauf

Ein Kennzahlensystem lebt vom Rhythmus, nicht vom Werkzeug. Bewährt hat sich eine einfache Staffelung: wenige operative Zahlen wöchentlich in der Bereichs- oder Teamrunde, das Steuerungsset monatlich in der Geschäftsführung, die strategischen Fragen quartalsweise mit Blick auf Richtung und Prioritäten.

Entscheidend ist, was in diesen Terminen passiert. Zahlen vorzulesen ist verlorene Zeit. Produktiv wird es, wenn zu jeder Abweichung oberhalb der Schwelle drei Dinge benannt werden: die vermutete Ursache, die daraus folgende Maßnahme und die Person, die sie verantwortet. Beim nächsten Termin steht diese Maßnahme zuerst auf der Liste.

Woher die Daten kommen

Vor dem Dashboard steht die Frage nach der Quelle. Für jede Kennzahl sollte klar sein, aus welchem System sie stammt, wer sie pflegt und wie oft sie aktualisiert wird. In vielen Unternehmen liegen die relevanten Daten bereits in Buchhaltung, Warenwirtschaft, CRM oder Zeiterfassung. Das Problem ist weniger ihr Fehlen als ihre Verteilung und die uneinheitliche Pflege.

Beginnen Sie deshalb ruhig manuell. Eine sauber definierte Tabelle, die monatlich in einer halben Stunde gefüllt wird, ist ein besserer Start als ein Dashboard-Projekt, das erst in einem halben Jahr Ergebnisse liefert. Die Automatisierung lohnt sich, sobald klar ist, welche Zahlen Sie dauerhaft brauchen, und nicht vorher. Sonst fließt Aufwand in Kennzahlen, die nach wenigen Monaten wieder gestrichen werden.

Häufige Fragen

Wie viele Kennzahlen sind sinnvoll?

So wenige, dass alle Beteiligten sie im Kopf haben. Wenn Ihr Steuerungsbericht mehr als zwei Seiten umfasst, wird er erfahrungsgemäß nicht mehr vollständig gelesen. Fachbereiche dürfen ergänzend eigene Zahlen führen, die auf Gesamtebene nicht auftauchen.

Reicht die BWA vom Steuerberater nicht aus?

Sie ist eine wichtige Grundlage, kommt aber verzögert und bildet in erster Linie Ergebnisgrößen ab. Für die Steuerung fehlen typischerweise Frühindikatoren aus Vertrieb und Leistungserbringung sowie die Aufteilung nach den Dimensionen, in denen Sie tatsächlich entscheiden.

Brauchen wir dafür ein BI-Tool?

Nicht am Anfang. Werkzeuge lösen kein Definitionsproblem. Klären Sie zuerst Fragen, Definitionen und Verantwortlichkeiten. Die Frage nach dem Tool beantwortet sich danach meist von selbst und fällt kleiner aus als erwartet.

So gehen Sie den nächsten Schritt

Kennzahlen für KMU sind dann wertvoll, wenn sie wenige, klar definierte Fragen beantworten, eine verantwortliche Person haben und in einem festen Takt zu Entscheidungen führen. Alles andere ist Berichtswesen. Fangen Sie mit einer Handvoll Zahlen an, halten Sie die Definitionen schriftlich fest, und erweitern Sie erst, wenn dieses Set im Alltag wirklich benutzt wird.

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